Songtexte

Ich wurde in der Vergangenheit immer wieder nach dem ein oder anderen Songtext gefragt und möchte diesem Anliegen gerne entgegenkommen. Meine Idee war es, in den kommenden Monaten (oder auch darüber hinaus), alle zwei Wochen einen Song-Text zu veröffentlichen und die Lyrics zugleich mit Hintergrundinformationen und aktuellen Reflexionen zu versehen. Ich möchte mich dabei auf die Songs konzentrieren, die bislang schon in irgendeiner Weise veröffentlicht worden sind oder aktuell veröffentlicht werden, so dass man zu dem Text auch den Song hören kann oder zumindest den Klang im Ohr hat. Ich werde vor allem die Lyrics veröffentlichen, die mir persönlich sehr am Herzen liegen. Und auch für mich ist es spannend, Texte noch einmal aufs Neue zu reflektieren, ggf. auch aus einem gewissen Abstand die Worte noch einmal in die Gegenwart hinein wirken zu lassen. Allerdings beginne ich gleich mit einer Ausnahme: Der Song „gelb und blau“ ist noch nicht veröffentlicht. Aufgrund der aktuellen Situation habe ich mich entschlossen, dennoch den Text in diesem Rahmen vorzustellen. Ich denke, dass die Lyrics für sich sprechen.

Macht es Sinn, Songtexte noch erklären zu wollen? Im eigentlichen Sinne nicht. Meine Ausführungen zu den Lyrics braucht man nicht. Ich persönlich aber habe mehr von den Klassikern der Philosophie, der Spiritualität und der Belletristik, wenn ich begleitend Kommentare und Sekundärliteratur rezipiere. Und so wird es auch bei meinen Songtexten sein, die viele Anspielungen auf die genannten Bereiche beinhalten. Ich selbst möchte kein Verständnis vorgeben, sondern lediglich Impulse mitgeben, die dazu einladen, selbständig weiterzudenken, um neue eigene Zusammenhänge entdecken und erschließen zu können. Ansonsten genügt es auch, sich von den Songs berühren und von den Texten ansprechen zu lassen.

  Marko Bartholomäus, im März 2022

Anywhere

Bin unterwegs, bin irgendwo in einer fremden Stadt
Hab keine Ahnung, was man hier so alles macht
Sitz im Café, genieß French Toast, im Hintergrund hör ich Neil Young
Zwei dunkle Augen leuchten mich ganz freundlich an

Ich bin woanders, hier darf ich sein
Bin ganz woanders, fühl mich daheim
Wieder woanders und weiß nicht wo
Mein lieber Freund, mir geht es gut, ich frag dich jetzt, wie geht’s dir so?

Niemand soll mir von Freiheit sprechen
Der nicht den Traum von Freiheit kennt
Und den, der sich mit seinem Leben
Intoleranz entgegenstemmt

Niemand soll mir von Wahrheit reden
Der nicht sagt, was sein Auge sieht
Der Journalisten nicht mehr kennt
Die viel zu früh verstorben sind    

Bin unterwegs, steh irgendwo auf einem großen Platz
Hör viele Stimmen, und auch manchmal einen halben Satz
Spür dieses Trommeln vieler Bongos, tief im Boden Dynamit
Seh eine schwarze Frau im Rhythmus, in Gedanken tanz ich mit

Ich bin woanders, hier darf ich sein
Bin ganz woanders, fühl mich daheim
Wieder woanders und weiß nicht wo
Mein lieber Freund, mir geht es gut, ich frag dich jetzt, wie geht’s dir so?

Niemand soll mir von Frieden sprechen
Der nicht weiß, dass es Kriege gibt
Der nicht mehr weiß, was Frieden kostet
Und die Gefallenen vergisst

 Gerechtigkeit soll niemand fordern
Der nicht bereit ist zu Verzicht
Kann das Geschwätz schon nicht mehr hören
Von dem, der selbst kein Maßstab ist       

 Bin unterwegs, geh irgendwo in eine Kirche rein
Seh keinen Menschen, dennoch fühl ich mich hier nicht allein
Was war, was ist, und auch was sein kann, jetzt denk ich daran
Vielleicht zünd ich ein kleines Lichtlein gleich noch für dich an

Ich bin woanders, hier darf ich sein
Bin ganz woanders, fühl mich daheim
Wieder woanders und weiß nicht wo
Mein lieber Freund, mir geht es gut, ich frag dich jetzt, wie geht’s dir so?

Marko Bartholomäus, August 2020

Die Songs, die ich schreibe, haben für mich in aller Regel einen überzeitlichen Charakter. Das macht es möglich, diese auch mit einem jeweils neuen Kontext in Verbindung zu setzen. Das gilt insofern auch für diesen Song, den ich im Rahmen meines Podcasts „Songs mit Philosophie“ als Folge 2 veröffentlicht hatte. Leider, muss man sagen, hat dieser Song, in dem es für mich wesentlich um die Freiheit demokratischer Grundordnungen geht, durch die Aktualität der Ereignisse zunehmend an Bedeutung gewonnen. Doch der Reihe nach: Im August 2020 saß ich in einem Café mit Namen „woanders“ in Köln Ehrenfeld, vertieft in ein Buch von Carlo Strenger mit dem Titel „Abenteuer Freiheit“, und brachte während eines entspannten Frühstücks die ersten Zeilen zu Papier. Carlo Strenger war Professor für Psychologie, gebürtiger Schweizer, der zuletzt in Tel Aviv gelehrt hatte und 2019 61-jährig dort verstorben war. Gerade dieses Buch von 2017 versucht wachzurütteln und das Bewusstsein für die freiheitlichen Werte, wie sie sich in der abendländischen Geistesgeschichte, Philosophie und Aufklärung entwickelt hatten, zu stärken. Dass diese Werte nicht selbstverständlich sind, war schon damals klar, mussten wir seither aber umso schmerzlicher aufs Neue erfahren. Weitherhin mussten wir seither erfahren, dass die Anfälligkeit für Populismus zugenommen hat, dass der Kampf gegen Intoleranz und Lügen etwas kostet. Menschen gehen andernorts dafür ins Straflager, Journalistinnen und Journalisten verschwinden spurlos oder versterben viel zu früh eines unnatürlichen Todes. Hier ließe sich eine Liste mit Namen anfügen, und an dieser Stelle sei exemplarisch nur an die Journalistin Oksana Baulina erinnert, die mit Alexei Nawalny zusammengearbeitet hat und am 23. März 2022 42-jährig einem gezielten Raketenangriff in Kiew zum Opfer gefallen ist. Offensichtlich war ihr Auto mit einem Funksignal versehen worden.

Unabhängig von den unzähligen Einzelschicksalen und den persönlichen Tragödien geht es jedoch auch um etwas Grundsätzliches: Die Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie sind laut Karl Jaspers Frieden, Freiheit und Wahrheit, wobei Frieden Freiheit und Freiheit Wahrheit voraussetze. Überall, wo die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten und mit ihnen das Ringen um Wahrheit unterdrückt wird, kann und wird es somit dauerhaft auch keine Freiheit und schließlich keinen Frieden geben. Anders ausgedrückt mit Karl Jaspers, der das nationalsozialistische Regime mit seiner Frau nur knapp überlebt hat: Es kann keinen echten Frieden mit Regierungen und Systemen geben, die strukturell Meinungsfreiheit nicht zulassen und sollten wir das glauben, wachen wir eines Tages völlig überrascht in einer anderen Welt auf und sprechen von Zeitenwende, die in Wirklichkeit keine Zeitenwende ist.

Ich komme noch einmal auf Carlo Strenger zurück, der in seinem Buch unter Rückgriff auf den englischen Publizisten David Goodhart die Unterscheidung von „somewheres“ und „anywheres“ (The Road to Somewhere, 2017) aufgreift. Eine vergleichbare Unterscheidung findet sich auch bei deutschen Soziologen wie z.B. bei Andreas Reckwitz in seinem Sammelband „Das Ende der Illusionen“ von 2019. Worum es unter anderem geht ist, dass es Gewinner und Verlierer der Globalisierung gibt, „anywheres“, die mit den veränderten Bedingungen überall gut zerechtkommen, aber auch „somewheres“, die ihre Identität maßgeblich aus der Zugehörigkeit zu traditionellen Strukturen gewinnen. Solange wir solche Differenzierungen nicht berücksichtigen, bleiben wir als Gesellschaft anfällig für Populimus, der mit einfachen Slogans arbeitet und durchaus auch das Narrativ einer der beiden Seiten bedient und so Spaltung erzeugt. Ob im Hinblick auf Flüchlinge und Einwanderung, im Hinblick auf die Corona-Pandemie, oder im Hinblick auf weitere und zukünftige Konfliktthemen, immer geht es darum, die Wahrheit, die sich differenziert darstellt, zu erarbeiten, genauso wie es gilt die Lügen, die oberflächlich auch als scheinbar politisch korrekt in Erscheinung treten können, abzuwehren. Denn es bleibt eine klare Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit, auch wenn diese nicht immer einfach zu erkennen ist, und die Wahrheit ist in aller Regel sehr komplex. Der Untertitel zu dem Buch von Carlo Strenger lautet: „Ein Wegweiser in unsicheren Zeiten“. Mehr denn je befinden wir uns in unsicheren Zeiten, zu denen inzwischen auch ein offen ausgetragener Krieg in Europa gehört. Die Wegweiser in diesen Zeiten fallen nicht vom Himmel, sondern müssen (und dürfen!) wir uns erarbeiten. Der Song erinnert mich daran und ermutigt dazu. Und dann begebe ich mich auf die Suche nach Wegen, mich vielleicht auch in unsicheren Zeiten, die es immer schon gab, doch noch irgendwie „daheim“ fühlen zu können.       

  Marko Bartholomäus, im April 2022

Der Kelch

Da ist ein Mensch, als Mensch geboren
Sieht Spuren auch im tiefsten Dreck
Was ist aus dieser Welt geworden
Ich möcht am liebsten nur noch weg
Dann sprechen seine milden Augen:
Sie wissen doch nicht, was sie tun
Ich werde still, spür neu Vertrauen
Lass meine Rache endlich ruhn
Ich halt ihn fest mit beiden Händen
Den Kelch, gefüllt mit Zorneswein
Vielleicht wird sich doch etwas ändern
Und eine Träne fällt hinein

Da ist ein Mensch, dreimal gefallen
Erdrückt von allzu schwerer Last
Die Worte haben nicht gehalten
Und jemand hat leise gelacht
Was ich mal war, ist mir genommen
Bin nackt und hilflos, voller Scham
Bin mir und allem fremd geworden
Sitz tief im Staub, gebeugt vom Gram
Doch schmiegt ein Kelch sich in die Hände
Oh, Lass ihn nur vorübergehn
Jetzt geht der Abend schon zu Ende
Es bleibt: dein Wille soll geschehn

Seh einen Menschen hoch erhoben
Mit Einsamkeit und Schmerz durchbohrt
Er blickt mit Tausenden nach oben
Woher ihm keine Hilfe kommt
Da steht ein Kelch zu seiner Seite
Und jemand flüstert in mein Ohr
Kannst du ihn trinken, ganz zur Neige?
Hab noch so vieles mit dir vor
Schmeck manches Leid, auch manche Freude
Ich heb den Kelch, sag leise Dank
Trink nur auf dieses Leben heute
Und geh die Straße weiter lang

Marko Bartholomäus, Karfreitag 2020


Karfreitag suchen wir uns als Familie immer gerne einen Kreuzweg in der Region raus, um diesen zu gehen bzw. dort zu wandern. So sind wir Karfreitag 2020 am Bitburger Stausee wandern gewesen und im Rahmen dessen auch den kleinen Kreuzweg bei der Einsiedelei Wiersdorf gegangen. Es war die stille Zeit des ersten Corona-Lockdowns. Dabei kam mir der Gedanke, einen entsprechenden Song zu schreiben, der in den folgenden Tagen entstanden ist, von dem Symbol des „Kelchs“ getragen, dem er schließlich auch seinen Titel verdankt.

Für mich drückt sich in diesem Song eine existenzielle Herausforderung aus, der sich jeder Mensch irgendwann und irgendwie stellen muss. Vielleicht gilt dies umso mehr für Menschen wie mich, die auch beruflich mit Patientinnen und Patienten (lat. patiens: leidend, erduldend) zu tun haben, doch letzten Endes ist ja jeder Mensch mit der Erfahrung von Leid und der Frage nach dem Umgang damit früher oder später und auf irgendeine Weise konfrontiert. Die Passion Jesu lädt dazu ein, uns berühren zu lassen und über die Erfahrung von Leid nachzudenken.

In dem Song drückt sich erstens die Realität der Erfahrung von Leid aus, die wir nicht leugnen dürfen und auch nicht leugnen können. Unabhängig von irgendwelchen heilsgeschichtlichen Diskussionen begegnet uns in der Passion der leidende Mensch schlechthin, von dem es heißt: „Siehe, ein Mensch!“ (lat.: ecce homo). Dass Jesus, aber auch das andere große „Leidensvorbild“ der jüdisch-christlichen Tradition, Hiob, ohne erkennbare Schuld leiden, ist für mich Bild dafür, dass es grundlegend nicht um Frage persönlicher Schuld oder Verantwortung geht. Mag es im einzelnen Fall auch Aspekte von Eigenverantwortung geben, so ist doch die grundsätzliche Frage danach, woher Leid kommt und warum Leid in der Welt ist, unabhängig davon. Leid gehört in diesem Sinne zur Schöpfungsordnung bzw. Seinsordnung und betrifft grundsätzlich jedes Lebewesen, allerdings und sicherlich auch unterschiedlich stark. Das macht sicherlich ganz entscheidend die Anstößigkeit, die Irritation, die Tragik und Fragwürdigkeit von allem aus. Gerade die nicht selbstverständliche Akzeptanz dieser Schöpfungsordnung ist insofern für mich ein erster Aspekt des Umgangs mit Leid, Paul Ricoeur spricht von der Einwilligung. Ein zweiter ist es, diesem Leid dann in irgendeiner Weise Ausdruck zu geben. Viele große Kunstwerke entspringen entsprechenden Erfahrungen, auch der vorliegende Song, auf meinem „Baltimore“-Album erschienen, ist ein bescheidener Versuch dazu. Dass Menschen (und alle Lebewesen) dann durchaus unterschiedlich betroffen sind – am Ende aber auch wieder gemeinsam -, stiftet nach meinem Verständnis Solidarität. Der in besonderer Weise Leidende nimmt gewissermaßen stellvertretend das Leid auf sich: ob es eine angeborene Behinderung ist, eine Krankheit, ein Unfall, die Erfahrung von Krieg, der zu frühe Tod …. All dies sind Aspekte dessen, was Menschsein ausmacht und mit der Schöpfungsordnung (Seinsordnung) mitgegeben ist. Indem es den einen betrifft, betrifft es den anderen nicht oder weniger. Ich muss und darf dem Leidenden dankbar sein, dass er in diesem Sinn für mich stellvertretend die Erfahrung von Leid übernimmt, umgekehrt kann ich als Leidender in der Stellvertretung meinem Leiden einen Sinn, der über mich hinausweist, abgewinnen. Das „Alleinsein“ (solitaire) im Leid zeigt sich so wechselseitig mit der Solidarität (solidaire) verbunden (Albert Camus). Mitmenschlichkeit und Empathie leiten sich aus dieser Fähigkeit, sich in den anderen einfühlen zu können, ab und sind oft genug eigener Erfahrung von Leid geschuldet (gr. em: in, darin, hinein; gr. pathos: Leid, Unglück, Leiden, Leidenschaft).

Im Übrigen ergibt sich daraus für mich auch die Verantwortung, das, was an Potential, das, was gewissermaßen mit dem Leid anderer teuer erkauft wurde, sinnvoll zu nutzen und dankbar (Dankgebet, gr.: eucharastia) anzunehmen. Aber die Sinnerfahrung bzw. Sinndeutung im Leid kann nicht vorgeschrieben werden und wird oft genug wohl auch nicht erreicht, kann nicht gefordert werden. Angesichts von unsagbarem Leid bleiben oft genug Sprachlosigkeit und das Gefühl von Sinnlosigkeit, und zu oft bleibt die Tragik der Tragik verhaftet und setzt sich fort. Es bleiben immer nur Versuche, dem Leiden etwas an Sinn abgewinnen zu wollen und es gibt nie eine letztgültige Antwort. Auch die Passionsgeschichte legt das nahe: Denn die eine Antwort zumindest findet sich jenseits der Erfahrung von Leid in dieser Welt. Die Passionsgeschichte Jesu selbst weist über sich hinaus, indem sie die Hoffnung auf eine andere Dimension und Realität in sich trägt.

Marko Bartholomäus, im April 2022

gelb und blau

Der Weizen, nirgendwo ist er so gelb
Der Himmel leuchtet nirgendwo so blau
Jetzt färbt der Boden sich ganz rot
Und über uns wird es ganz schwarz und grau
Und alles ist gesagt, dachte ich
Uns bleibt nur noch zu beten: Herr, erbarme dich!

Kyrie eleison
Herr, erbarme dich!
Und lass die Farben wieder leuchten!
Herr, erbarme dich!
Kyrie eleison
Herr, erbarme dich!

Eine Schwester wurde wieder mal entführt
Doch lässt sie sich den Mut nicht nehmen
Zusammen mit dem weißen Stier
Zeigt sie der Angst die blanken Zähne
Und ich, ich kann nichts tun, dachte ich
Allein, es bleibt das Flehen: Herr, erbarme dich!

Kyrie eleison
Herr, erbarme dich!
Und lass die Farben wieder leuchten!
Herr, erbarme dich!
Kyrie eleisonHerr, erbarme dich!

Der Weizen, nirgendwo ist er so gelb
Der Himmel leuchtet nirgendwo so blau
Jetzt färbt der Boden sich ganz rot
Und über uns wird es ganz schwarz und grau
Und alles ist gesagt, – dachte ich
Allein, uns bleibt zu beten:Herr, erbarme dich!

Marko Bartholomäus, 03.03.2022

„gelb und blau“ sind die gegenwärtig nicht zu übersehenden Farben der ukrainischen Nationalflagge. Sie begegnen mir gerade nicht nur als nationales Zeichen, ich entdecke sie überall, sogar beim Wandern in der Natur, sie sind mir allgegenwärtig. Und genauso allgegenwärtig ist mir das Leid der vielen Menschen, vor allem der Ukrainerinnen und Ukrainer, aber auch der vielen Menschen in Russland, die von einem Diktator und Despoten mit allen Mitteln in Schach gehalten werden. Und vielleicht geht es euch auch so: angesichts der aktuellen Geschehnisse bin ich sprachlos und fühle mich hilflos. Und doch denke ich, jede und jeder von uns kann dazu beitragen, etwas von Mitmenschlichkeit aufleuchten zu lassen: „gelb“ steht für den Weizen, die Nahrung, „blau“ für den Himmel, der mehr ist als das sichtbare Gestirn über uns.

Der Krieg erinnert uns an die Werte, auf die es ankommt und für die wir einstehen, auch wenn es uns selbst etwas kostet. Andere stehen mit ihrem Leben dafür ein und viele Vorfahren von uns haben das auch getan. In der zweiten Strophe spiele ich auf den Gründungs-Mythos von Europa an, wie er uns vor allem in der Ilias von Homer und den Metamorphosen von Ovid überliefert wird. Die entführte Schwester Europa (wörtlich: die Weitsichtige) gab unserem Kontinent seinen Namen. Der Göttervater Zeus verwandelte sich in einen Stier, um ihr – der Königstochter, an der er Gefallen gefunden hatte – nahe sein zu können.

Das „Kyrie eleison“ im Refrain ist das griechische neutestamentliche „Herr, erbarme dich!“, wie es auch in der Ukraine und nicht nur in den orthodoxen Kirchen gebetet wird. Im Gebet – und sei es nur ein „Kyrie eleison“ – sind wir miteinander verbunden. Wenn ich in Gedanken und im Gebet bei den Ukrainerinnen und Ukrainern bin, dann denke ich auch an die Erfahrungen anderer im Nationalsozialismus. Von Reinhold Schneider stammen die Worte, mit denen er ein Sonett 1936 beginnen lässt:

Allein den Betern kann es noch gelingen, Das Schwert ob unsren Häuptern aufzuhalten Und diese Welt den richtenden Gewalten Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zuletzt auch an den Philosophen Peter Wust erinnern, der in Trier ein Gymnasium besucht hatte. Bei schwerer Krebserkrankung schreibt er im Dezember 1939, nach Beginn des 2. Weltkriegs, einen Abschiedsbrief an seine Studentinnen und Studenten. Dieser Abschiedsbrief zirkulierte schließlich tausendfach auch unter den Soldaten an der Front bis seine weitere Verbreitung verboten wurde. Seine Worte gaben vielen Menschen Trost, Orientierung und Kraft. Dieser Brief ist in die Philosophiegeschichte eingegangen. Ich zitiere daraus und lasse Peter Wusts Worte kommentarlos stehen und nachhallen:

„Und wenn Sie mich fragen sollten, bevor ich jetzt gehe und endgültig gehe, ob ich nicht einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: ‚Jawohl.‘ Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen erwarten möchten, sondern das Gebet. Das Gebet, als letzte Hingabe gefasst, macht still, macht kindlich, macht objektiv. Ein Mensch wächst für mich in dem Maße immer tiefer hinein in den Raum der Humanität, wie er zu beten imstande ist, wofern nur das rechte Beten gemeint ist. Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt. Beten lernen aber kann man am besten im Leiden.“

Marko Bartholomäus, 05.03.2022